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L.Gallinat zur Lesung M. Tullis aus "Getriebe" und "Dieses Mal"

27. Juli 2010 (HL-Red-RB) Mit der Lesung Magdalena Tullis wurde der "Literatursommer Polen" am letzten Montag in St.Petri zu Lübeck fortgesetzt. Die Autorin präsentierte Ausschnitte aus den 2008 und 2010 bei Schöffling & Co., Frankfurt am Main, erschienenen Romanen "Getriebe" und "Dieses Mal".
Alles in dem Erzählkosmos eines labyrinthischen Hotels in Osteuropa gerät außer Kontrolle, die Figuren führen ein bedrohliches Eigenleben, sie verwandeln und verdoppeln sich, tauchen an anderen Orten, zu anderen Zeiten wieder auf, beginnen ihre eigenen Geschichten zu erfinden, und selbst der Puppenspieler, der Erzähler, scheint von einer unbekannten Macht gesteuert zu sein. Magdalena Tulli schreibt von einer tiefen, den Menschen innewohnenden Traurigkeit, seiner Verlorenheit in einer Welt zwischen Tradition und Moderne, der durch herkömmliches Erzählen nicht beizukommen ist, und schickt uns zugleich auf eine phantastische Reise durch die letzten hundert Jahre der europäischen Geschichte.
"Getriebe" ist ein meisterhaft komponiertes akrobatisches Sprach-Kunststück voller Imaginationskraft und überraschender Wendungen, eine kunstvoll-poetische Parabel über das Erzählen von Geschichten, durch die wir uns die Welt erschließen.


In die bunte, böse Miniaturwelt eines Reichsstädtchens kurz vor dem kommunistischen Umsturz dringen in dem Roman "Dieses Mal" Störenfriede, die ständig alles sabotieren, zum Einsturz bringen und nach Kräften schiefgehen lassen. Börsenkrach, Studentenunruhen, Attentate und Flüchtlingselend geben dem Roman eine dramatische Wendung und einen hoch aktuellen Bezug.
Magdalena Tulli gelingt das Kunststück, von unvorhersehbaren Geschichten als Gefährdung wie als Rettung zu erzählen: Beim Versuch, Schicksale des 20.Jahrhunderts wahrheitsgetreu wiederzugeben, erfährt Tullis Hauptfigur ihr eigenes. So erzählt "Getriebe" vom Betrug mit, auch durch Esther Kinskys Übersetzung, trügerisch-wunderbarer Leichtigkeit.
Die literarische Einzelgängerin erschafft Welten scheinbar aus dem Nichts, gleichsam einen Kosmos ohne Fabel. In der poetischen Parabel über die Welt löst sich Existenz in Sprache auf. Mehr kann über das menschliche Schicksal nicht ausgesagt werden. Ironisch und spielerisch testet die Erzählerin die Möglichkeiten des Handelns aus, indem sie sich bei den Figuren und Ereignissen einschleicht und bald selbst mitmischt. Hochkarätige Literatur, voll Poesie und Gehalt.
Magdalena Tulli, geboren 1955, lebt als Autorin und Übersetzerin aus dem Italienischen in Warschau. Die studierte Biologin arbeitete in einer Polarforschungsstation und promovierte am Zooologischen Institut in Krakau. Sie gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern der Gegenwartsliteratur. In Deutschland erschienen 1997 "Träume und Steine", 2000 "Rot". Sie las bei dieser Soiree die Texte auf polnisch.
Esther Kinsky, geboren 1956, arbeitet als Übersetzerin aus dem Polnischen, Englischen und Russischen. Sie übersetzte u.a. Ida Fink, Hanna Krall, Ryszard Krynicki, Olga Tokarczuk und Aleksander Wat. Esther Kinsky lebt in Berlin und Battonya, Ungarn. Zuletzt wurde sie mit dem Paul-Celan-Preis ausgezeichnet.
Der deutsche Text wurde einfühlsam und nuanciert von Jutta Hagemann gelesen. Für die adäquate Übersetzung der Beiträge Magdalena Tullis war Dominika Sobecki verantwortlich.
Für die Einführung und die engagierte und kenntnisreiche Moderation bei dieser Veranstaltung des St.Petri-Kuratoriums, der Buchhandlung Weiland und des Pressezentrums war Holger Pils, der Leiter des Buddenbrookhauses, Lübeck, verantwortlich. Die Lesung löste eine rege Diskussion mit den zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörern aus. Alle Akteure wurden schließlich mit sehr viel Beifall bedacht.

Lutz Gallinat

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