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Agentur für Arbeit Lübeck

Soziales Familie&Co Gesundheit

90 Jahre Sozialverband Deutschland (Reichsbund) in Lübeck

18. November 2008. Öffentliche Feierstunde am 22.11.08 im Börsensaal von 13.00 bis 15.00 Uhr(Plakatausstellung, Gesprächsangebote). Zu 90-Jahren-Geschichte Reichsbund/Sozialverband wurde übermittelt: "Es war ein trauriger, aber dennoch zwingender Anlass der 1917 zur Gründung des Bundes der Kriegsbeschädigten, Kriegsteilnehmer und Kriegshinterbliebenen in Berlin führte: Die im dritten Kriegsjahr absehbare Hinterlassenschaft des 1. Weltkrieges mit Millionen Kriegstoten und Kriegsverletzten, Hinterbliebenen und Waisen. Die damalige Reichsregierung war auf die große Anzahl von Versorgungsopfern nicht vorbereitet: Die gesetzlichen Grundlagen der finanziellen Entschädigungen basierten auf dem Mannschaftsversorgungsgesetz und dem Militärhinterbliebenengesetz von 1906, beide mehr für die Kolonial- kriege geschaffen als denn für einen mörderischen, verlustreichen Stellungskrieg mit vielen Opfern. So waren für die Versorgung der erreichte Dienstgrad und die vorherige Lebensführung wesentlich maßgebend, nicht aber die von Kriegsjahr zu Kriegsjahr sich verschlimmernden Lebensumstände. Das Selbstwertgefühl der Kriegsbeschädigten sank zutiefst, sie fühlten sich als Bürger zweiter Klasse.

Erich Kuttner, leitender Redakteur der SPD – Zeitung „Vorwärts“, gründete mit ca. 30 weiteren Gleichgesinnten, darunter viele Kriegsopfer, am 23. Mai 1917 den Bund der Kriegsbeschädigten, Kriegsteilnehmer und Kriegshinterbliebenen. Das Programm war vielfältig angelegt und forderte von Verbesserung der materiellen Versorgung über Vermittlung und Fürsorge entsprechender Arbeitsplätze bis hin zur besseren Bewertung / Anerkennung der Kriegsverletzung umfassende Maßnahmen im Sinne des heutigen Sprachgebrauches der sozialen Gerechtigkeit. Nicht das Programm mit den gesteckten Zielen waren das eigentliche Ereignis der Gründung, die Ziele waren schon teilweise Grundlage der öffentlichen Kriegsopferfürsorge, sondern die Tatsache, dass hier die Betroffnen sich nunmehr selbst vertreten in einem Versorgungsbereich, der eigentlich von der Hierarchie eines kaiserlichen Ordnungssystems bestimmt war. Dementsprechend auch die Reaktion der Regierenden: Der neue Vorsitzende des Bundes wurde trotz schwerer Verwundung wieder an die Front geschickt, eine Zensur verbot Berichterstattung in den übrigen Zeitungen und eine eigene Zeitung wurde untersagt, zusätzlich Anfeindungen und Widerstände der Veteranen-Verbände. Deshalb sind aus dieser Zeit nicht viele Unterlagen archiviert, es liegen nur wenige Protokolle, Schriftstücke oder sonstige Aufzeichnungen vor.

Die Idee der eigenen Organisation der Kriegsopfer verbreitete sich wie ein Flächenbrand über das Reich und über die bald entstehende Weimarer Republik, überall wurden Ortsgruppen gegründet, so auch in Lübeck.

Ein Protokollauszug der Lübecker Bürgerschaft vom 18.Oktober 1918 deutet bereits auf eine ausgesprochene aktive Verbandstätigkeit hin, ein sehr interessantes Ausstellungsstück.
Die anschließenden Jahre waren nicht nur wegen der sich anbahnenden Wirtschaftskrise ein ständiger Kampf um soziale Maßnahmen wie ausreichende Renten und ausreichende soziale Unterstützung, Vergünstigungen für Schwerkriegsbeschädigte, die Schaffung von Arbeitsplätzen, Gleichstellung der Arbeitsopfer mit den Kriegsbeschädigten im Sinne der finalen Betrachtungsweise: Nicht das wie der Verletzung sollte für die Versorgung ausschlaggebend sein sondern das Ausmaß der aus den körperlichen und seelischen Verletzungen heraus resultierenden Lebenseinschränkungen.

In den einzelnen Landtagen wuchs die Anzahl der NSDAP – Abgeordneten und damit ging gleichzeitig der Gedanke der soziale Fürsorge bergab: Der tägliche Sprachgebrauch wie… „Krüppel und Sieche – Schmarotzer der Allgemeinheit…“ wurde immer stärker polemisiert und führte zu politischen Auseinandersetzungen, in den einzelnen Gauen zur kommissarischen Übernahme des Reichsbundes durch Abteilungen der NSDAP, das Vermögen wurde überführt an die NSKOV und letztendlich war damit die Selbstauflösung des Reichsbundes zum 29.April 1933 besiegelt.

Die verheerenden Folgen des 2. Weltkrieges sind bekannt, verschärft durch regional unterschiedliche restriktive Maßnahmen der Besatzungsmächte: Einstellung jeglicher Militärrenten als Zeichen für die Demilitarisierung Deutschlands; auch wurde vorerst die erneute Gründung einer Organisation der Kriegsopfer mit dem Namen Reichsbund untersagt, weil man nicht den Grundgedanken des Verbandes erkannte sondern bei vielen örtlichen Kommandanten der Besatzung darin eine „Verherrlichung“ des Militarismus sah.

Aber immer wieder nachfragend konnte dann auch am 7. Juli 1946 erneut der Reichsbund der Körperbehinderten und Hinterbliebenen in Lübeck gegründet werden und man wählte Johannes Evers zum 1. Vorsitzenden.

In der Satzung wurde klar zum Ausdruck gebracht, dass der Verband sich als Ansprechpartner nicht nur für die militärischen und zivilen Opfer der Kriege einschließlich der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge sieht sondern ebenso auch die Belange der Behinderten, Arbeitsunfallverletzter, der Opfer für Gewalttaten, Sozialhilfeempfänger und jugendlicher Menschen mit Behinderungen vertritt. Um dem auch nach Außen hin Rechnung zu tragen wurde der „Reichsbund der…“ über Sozialverband Reichsbund in den Namen „Sozialverband Deutschland“ übergeleitet.

Mit über 4000 Mitgliedern in Lübeck und nunmehr 90.000 in Schleswig-Holstein ist der Sozialverband ein starker Verband, der sich parteipolitisch neutral, unbürokratisch und lebensnah, verbunden mit sozialer Aufgeschlossenheit, für die Belange der Menschen einsetzt, um ein Höchstmaß an sozialer Gerechtigkeit zu erreichen.

Bei der kleinen Plakatausstellung im Börsensaal wird noch einmal deutlich, wie vehement um die soziale Versorgung der vom Schicksal in aller Regel schwer betroffenen Menschen gekämpft werden musste; sie macht aber zugleich auch deutlich, dass die Auseinandersetzung um soziale Gerechtigkeit – so wie der Verband sie versteht – noch nicht vorbei ist."


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