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Neujahrsempfang des Weissen Rings HL: "Opfer haben Namen"

20. Februar 2009 (HL-Red.). Leider konnte Lübeck-TeaTime am Neujahrsempfang der Außenstelle des WEISSEN RINGS nicht teilnehmen. Das wird vor allem jetzt umso mehr bedauert, also nun auch noch auf einen ganz besonders großartigen Abend zurück geblickt werden kann. Nun wird neben zugeleiteten Unterlagen der Außenstelle auch auf den Bericht einschließlich aktuellen Fotos von HL-live zurück gegriffen werden darf (vielen Dank!). Unter anderem heißt es darin:

Im Bürgerschaftssaal des Lübecker Rathauses wurde es am Donnerstagabend voll: Der Weiße Ring Lübeck lud zum Neujahrsempfang. Die Gäste, unter ihnen Politiker, Polizeibeamte, Mitarbeiter der Justiz und der Verwaltung sowie Anwälte, mussten sich zum Teil deutliche Kritik vom Vorsitzenden der Opferschutzorganisation in Lübeck Detlef Hardt anhören.



Foto (JW):Detlef Hardt


Detlef Hardt forderte mehr Aufmerksamkeit für die Opfer von Straftaten: "Es sind die stillen Opfer, es ist die Dunkelziffer in der Kriminalstatistik, diese Schicksale kommen nicht ans Tageslicht, wir müssen gerade diesen Menschen Mut machen, auf uns zuzugehen, aber wir müssen auch laut sagen, vielleicht noch lauter als bisher, dass dieses Leid der Opfer Ohren hat – es gibt viele Menschen, Nachbarn, Verwandte, Freunde, die von diesem Unrecht wissen und schweigen. Dieses Wegsehen, dieser Mangel an Zivilcourage ist der eigentliche Skandal in unserer Gesellschaft. Geben wir allen den Menschen Mut, die ihn bisher nicht hatten und sagen auch deutlich: Wer wegsieht, wenn gequält und misshandelt wird, ist ein moralischer Mittäter."

Es sei ärgerlich, dass immer nur der Täter im Mittelpunkt stehe. Jeder kenne den Namen Bogner, aber wer erinnere sich an sein Opfer? "Oder Arwed Imaela, der 4 Frauen ermordete und in der Ludergrube auf Fehmarn verscharte. Er starb in der JVA Lübeck. Wer erinnert sich an die Opfer?" Die Opfer würden nicht nur ihren Namen, sondern auch ihre Würde verlieren.

Detlef Hardt hat einen ganzen Ordner mit Schicksalen gesammelt. Es ist auch der Aufschrei einer jungen Frau enthalten, die so verzweifelt war, dass sie schrieb: "Ich kann nicht mehr, danke Weisser Ring, was Sie für mich getan haben, sie finden mich im Lauerholz". Sie hatte sich mit Benzin überschüttet, angezündet und starb qualvoll und einsam.

Für Detlef Hardt handelt es sich auch um ein Versagen der Politik: Durch die Einsparungen würden Verfahren in die Länge gezogen. Geldbußen würden häufig an Organisationen gehen, die sich mit den Tätern beschäftigen, statt auch die Opferhilfe zu beteiligen. Die Polizeibeamten hätten vielfach keine Zeit auf die Opfer einzugehen. Immerhin würden sie aber häufig den Kontakt zum Weißen Ring herstellen.

"Auch die Einstellungspraxis muss kritisch betrachtet werden", sagt Hardt und nennt ein Beispiel: "Wie ist einem Lübecker Busfahrer zu Mute, der ein Schreiben der Staatsanwaltschaft Lübeck mit den Worten erhält: Sie sind zwar durch einen Täter verletzt worden, aber da der Täter in einem anderen Verfahren (Vergewaltigung) vermutlich mit einer hohen Haftstrafe zu rechnen hat und die Strafe wegen der an ihnen begangenen Körperverletzung nicht ins Gewicht fällt, habe ich das Verfahren eingestellt. Sicherlich mag dieses rechtlich nicht zu beanstanden sein. Aber ich habe noch das fassungslose Gesicht dieses Busfahrers vor Augen, der dieses Einstellungsschreiben wie eine Ohrfeige empfunden hat. Wenn wir nicht wollen, dass der Glaube an die Gerechtigkeit vollend verloren geht, dann sollte diese Einstellungspraxis überdacht werden."
Detlef Hardt fordert eindringlich, die Opfer von Straftaten mehr in den Mittelpunkt zu rücken.

Das nachfolgende Programm bestätigte auf eigene Art und Weise, welche Entwicklung und Stellung die Aussenstelle Lübeck des WEISSEN RINGS genommen hat. Bei aller Anerkennung der Vereinsarbeit zuvor, kann gerne einmal betont werden, mit welchem nun noch besonderem Engagement und Erfolg nunmehr unter Team-Führung Detlef Hardts gearbeitet wird. Sicherlich konnte nach dessen Pensionierung als ehemaliger Pressesprecher der vormaligen Polizeidirektion SH-Süd dessen Gewinn für den Verein geradezu als Glücksgriff angesehen werden:

Programm
Neujahrsempfang des WEISSEN RINGS, Außenstelle Lübeck

Musik: „Träume Dein Leben“
„Frage nicht nach Morgen“
„Schön, dass Du da bist



Foto: Gruppe „2friends1"


Begrüßung/Ansprache: Detlef Hardt, Leiter des WR, Außenstelle Lübeck




Grußwort: Gabriele Schopenhauer, Stadtpräsidentin



(Foto RB)


Musik: “Ich sehe ein Lächeln in Deinem Gesicht“

Grußwort: Heiko Hüttmann, Leitender Polizeidirektor, Leiter der Polizeidirektion Lübeck

Grußwort: Dr. Jürgen Witt, stellv. Bundesvorsitzender des WEISSEN RINGS




Foto (Hans Korth) Dr. Jürgen Witt bei der Ehrung mit den Bundesverdienstorden der BRD durch Ministerpräsident Peter Harry Carstensen 


Musik: „Suche – Fühle – Erlebe

Vortrag: Kirsten Bruhn – „Botschafterin des WEISSEN RINGS“
„Schwimmen ist ein Kampf für mich, ein Kampf gegen den Untergang“





Schlusswort: Detlef Hardt


Musik: „Your love ist forever“
“Leben und leben lassen”


Anschließend Stehempfang

(Infostand des WEISSEN RINGS – Rotwein/Wasser/Bier, Brezel)

Wir freuen uns auf anregende Gespräche mit Ihnen:

WEISSER RING, Außenstelle Lübeck
Stefan Albuschat, Birgit Brockmann, Margret Busse, Ute Fandrich, Wolfgang Hack, Detlef Hardt, Tanja Hildebrand, Eva-Marie Kirchner, Helmut Peters, Edeltraut Springer, Derya Suxdorf, Maren Sonnhoff, Ingeborg Theilig, Holger Stieler, Eugen von Wietersheim

Ein herzliches Dankeschön an die „Gruppe „2friends1“ –Marita Boi, Susann Niemann, Michael Holtz - die ohne Gage die Veranstaltung musikalisch umrahmt und an die Firma Niederegger, die durch die Spende von 200 Marzipanherzen ebenfalls ihre Verbundenheit zum WEISSEN RING deutlich macht.

Lübeck-TeaTime:
Was aber könnte deutlicher machen als der Wortlaut der Rede Detlef Hardts, welche Arbeit – bei allem Erreichten – immer noch zu tun ist. Denn der Schwerpunkt Täter – Opfer ist nach wie vor eher im Nachteil zu dem der Opfer. Daran letztlich sind nicht nur Justiz und Politik „schuld“, auch die „Vierte Gewalt“ im Staate - die Medien – sollte sich ihrer „Macht“ bewusst sein und zur notwendigen Korrektur in der Gewichtung zu Gunsten der Opfer beitragen – statt oftmals Täter zu „hofieren“. Und wenn man – wie eben in Bad Bramstedt im FS zu sehen -die Profi-Fotografen ihre Kameras über die Mauer halten, um „Sensationen“ zu erheischen – zum K...., Entschuldigung. Der wie hier in Lübeck, wo die Orte der Geschehnissen oftmals nur dann „rechtzeitig“ erreicht werden können, wenn der Polizeifunk abgehört wird. Das bedeutet im Klartext: Wer aus dieser nach wie vor strafbaren Handlung Fotos verkauft, macht die Abnehmer zu „Hehler“. Wenn die Polizei-Leitstelle informiert, ist das etwas anderes. Störende Medien dann dürften aber auch nicht wünschenswert sein.

Auch wenn angeblich die „Leute“ so etwas sehen wollen – ein klares Nein. Solchen „Schuh“ zieht sich Lübeck-TeaTime nicht an, hat es nie getan und wird es auch nicht. Im Gegenteil: Es wird weiter auch kritisch berichtet – und rechtzeitig in der Berichterstattung gestoppt, wenn vor allem „Reißerisches“ die Würde vor allem der Opfer schädigen könnte. Und für Täter sollte man keine Werbung betreiben.

Das gilt selbstverständlich auch bei Polizeiberichten, die in der Regel nur in Lübeck-TeaTime Platz finden, wenn Zeugen oder andere Hilfe der Bevölkerung seitens der Polizeibehörden gesucht wird.

Aber zurück zum Neujahrsempfang – und genau das alles „passt“ zum Anliegen des WEISSEN RINGS. Folgen sollen ein paar Fotos außerdem aus der „Vergangenheit“ - die Lübeck-TeaTime vorliegen:



Neujahrsempfang 2008



Info-Säule im Behördenhochhaus



Sammlung für Lauri






Spendengespräch „Tzolas“ und tapfere Polizistin Anja Sager,
die den Täter verfolgte und ergriff



Nun liegen auch zusätzliche Bemerkungen von Detlef Hardt – verbunden mit einem Dankeschön - und ein Echo auf den Abend vor:

Die Stadtpräsidentin der Hansestadt Lübeck, Frau Gabriele Schopenhauer, kam nach der VA spontan auf mich zu und übergab mir den von ihr ausgefüllten Mitgliedsantrag. Darüber habe ich mich sehr gefreut und ich glaube, dass die Mitgliedschaft von "unserer" Stadtpräsidentin ein wichtiges Signal ist.

Liebes AS-Team, wer also am Sonntag zwei Stunden Zeit hat - ich würde mich freuen, wenn wir uns im DGB-Haus sehen.

Nachfolgend gebe ich eine Mail von Frau Obenaus (Kripo Lübeck), zur Kenntnis, die - wie ich finde - mit besonderen Worten ihren Eindruck schildert und insbesondere immer noch vom Vortrag unserer so liebenswerten "Botschafterin des WEISSEN RINGS" - Frau Kirsten Bruhn - beeindruckt ist.

Lieber Detlef,
... ich habe mich gefreut, dass wieder so viele Leute deiner Einladung gefolgt sind.
Der absolute Hammer war ja die Frau Bruhn. Ich habe in meinem Leben ja nun auch schon viel gesehen und gehört,
aber gestern Abend hatte ich eine Gänsehaut nach der anderen.
Die Frau bewundere ich. Die ist ja hammermäßig!
Als sie am Anfang ihrer Geschichte sagte, dass sie ca. 15 – 20 Min. sprechen will, dachte ich noch,
dass das ja lange ist. Aber nach der Beendigung muss ich sagen, ich hätte ihr noch gern weiter gelauscht.
Eine tolle Frau! Zu deiner Rede: ich fand sie gut und sie ist – soweit ich das gehört habe – auch bei den anderen gut aufgenommen worden.
Gefallen hat mir, dass du schön – für dich – langsam gesprochen hast. Gratuliere…..
Du hast deine Gefühle rüber gebracht. Da ist was rüber gekommen.
Danke für diesen netten – nein sehr schönen – Abend.

Liebe Grüße
Ina“

Lübeck-TeaTime wünscht weiterhin viel, viel Erfolg in der Arbeit des WEISSEN RINGS – Außenstelle Lübeck.


Original-Rede von Detlef Hardt:

"Neujahrsempfang des WEISSEN RINGS, Außenstelle Lübeck, 19.02.2009, 18.00 Uhr
Rathaus Lübeck
Ansprache des Leiters der AS Lübeck, Detlef Hardt-


Danke an 2friend1 für die einfühlsamen Lieder, für die Einstimmung auf diesen Abend. Danke an Marita Boi, Susann Niemann, Michael Holtz.


Ein weißer, unauffälliger Leitz-Ordner, der Unschuld vorgaukeln soll – und doch mit erschütternden Schreiben, mit Anklagen, mit Abschiedsbriefen, mit Stimmen gefüllt, erfüllt ist, die wir auch heute beim Neujahrsempfang nicht vergessen dürfen.

„Ich habe doch NEIN gesagt“, warum hast Du mir das angetan? Wir haben uns doch geliebt, warum erniedrigst Du mich, warum schlägst Du mich? Du bist mein Vater, mein Großvater, unser Nachbar – warum missbrauchst Du mich, warum zerstörst Du meine Kindheit, mein Leben. Es ist auch der Aufschrei einer jungen Frau in diesem Ordner enthalten, die so verzweifelt war, dass sie schrieb: „Ich kann nicht mehr, danke WEISSER RING, was Sie für mich getan haben, sie finden mich im Lauerholz – sie hatte sich mit Benzin überschüttet, angezündet und starb qualvoll und einsam.

Wenn wir durch die Straßen unserer Heimatstadt Lübeck gehen, vorbei an Patrizierhäusern, an Wohnblocks in Moisling oder Buntekuh, an Villen oder kleinen Reihenhäusern – was wissen wir, was sich hinter diesen Fenstern verbirgt. Dahinter verbirgt sich oft eine unendliche Qual, es sind Menschen, die Hilfe brauchen – und die nicht wissen, wo die Hilfe ist – die nicht die Kraft haben, sich zu befreien:

Es sind die stillen Opfer, es ist die Dunkelziffer in der Kriminalstatistik, diese Schicksale kommen nicht ans Tageslicht, wir müssen gerade diesen Menschen Mut machen, auf uns zuzugehen, aber wir müssen auch laut sagen, vielleicht noch lauter als bisher, dass dieses Leid der Opfer Ohren hat – es gibt viele Menschen, Nachbarn, Verwandte, Freunde, die von diesem Unrecht wissen und schweigen. Dieses Wegsehen, dieser Mangel an Zivilcourage ist der eigentliche Skandal in unserer Gesellschaft. Geben wir allen den Menschen Mut, die ihn bisher nicht hatten und sagen auch deutlich: Wer wegsieht, wenn gequält und misshandelt wird, ist ein moralischer Mittäter.

Vielleicht ist es jetzt wichtig, auch ein kleines Zeichen des Mutes zu setzen, ein kleines und doch wichtiges Licht, eine Kerze anzuzünden als Hoffnung für alle, die leiden – und die wissen sollen, dass es uns – Sie und wir als WEISSER RING - gibt.


Opfer haben vielfach keinen Namen. Täter stehen im Mittelpunkt des Interesses. Bogner, der aus der Justizvollzugsanstalt Lübeck mit einem Gabelstabler die Mauer überwand – und wenig später einen Mann ermordete. Bogner – der Name ist uns noch heute geläufig. Und das Opfer – vergessen. Es war der Gärtner Danielsen.
Oder Arwed Imaela, der 4 Frauen ermordete und in der Ludergrube auf Fehmarn verscharte. Er starb in der JVA Lübeck. Wer erinnert sich an die Opfer? Es waren Mutter und Tochter Schröder.
Oder Jürgen Bartsch, der Jungens in einem Steinbruch tötete – oder Honka, der in Hamburg Frauen zerstückelte und erst durch ein Brand im Dachgebälk, wo die Leichenteile versteckt waren, überführt werden konnte. Er starb später –nach seiner Entlassung aus der JVA, in einem Altersheim in Ostholstein.

Warum sage ich das? Opfer haben durch den Täter nicht nur ihren Namen, sondern auch ihre Würde verloren – und es ist unsere gemeinsame Aufgabe, mitzuhelfen, damit die Opfer von Gewalttaten – sofern es noch möglich ist – wieder ihre Würde – zumindest ein kleines Stückchen – zurückerhalten können.

Deshalb ist es wichtig, einen Neujahrsempfang durchzuführen, der auch aufrütteln soll. Und deshalb freue ich mich, dass Sie heute so zahlreich unserer Einladung gefolgt sind. Ich würde so gerne alle 175 angemeldten Teilnehmer namentlich begrüßen – ich bitte um Nachsicht, dass ich stellvertretend für alle nur einige Gäste begrüßen kann. Sie sind mir alle, die auf der Gästeliste aufgeführt sind, sehr wichtig und sehr willkommen. Wir sind dankbar über die aufgestellten Spendendosen in den Geschäften in Lübeck, z.B. in der Drogerie Weinert, in der Gaststätte „Bei Ulla“, beim Wurstmaxen am Kohlmarkt, bei Sabine Reimann in der Gr. Burgstraße. Ich danke Ihnen allen sehr herzlich.


Begrüßung:

Stadtpräsidentin Schopenhauer
MdB Anke Eymer
MdL Jutta Scheicht, Frank Sauter, Thomas Rother
Senator Thorsten Geißler

die Bürgerschaft ist vertreten durch
Ingo Hoffmann, SPD
Thomas Schalies, FDP
BfL Astrid-Stadthaus-Panissié, Bruno Böhm, Volker Krause

aus dem Bereich der Justiz
Direktor des Sozialgerichts, Herrn Heinz-Dieter Klingauf
Leiter der JVA Lübeck, Herrn Peter Brandewiede
Bereich Polizei LPD Heiko Hüttmann, Holger Dabelstein, Jochen Berndt und
als Leiterin des 1.PR, POR’in Andrea Funk sowie Vertreter aus mehreren Kommissariaten

Frau Sebelefski als Leiterin des Landesamtes für soziale Angelegenheiten
Für die Medien: Frau Dr. Mäsker, Studioleiterin NDR
Uwe Polkaehn DGB
Autonomes Frauenhaus und AWO-Frauenhaus
und stellvertretend für alle Vereine, wie Post und Gewerkschaft der Polizei
Remzi Uysal, Vorsitzender des Kulturvereins TÜRGEM, der sich seit Jahren um
mehr Integration und mehr Miteinander erfolgreich bemüht.
Dr. Jürgen Witt
Uwe Rath

Und ganz besonders Kirsten Bruhn als Botschafterin des WEISSEN RINGS; wir freuen uns sehr, dass Sie zu uns gekommen sind und uns nachher mit ihren Worten fesseln werden, die auch viel Hoffnung für viele Opfer vermitteln können.



Foto(über KB): Kirsten Bruhn

Gestatten Sie mir noch einige Anmerkungen:

Ich habe es mit viel Freude vernommen, dass Sie, lieber Herr Hoffmann als Bürgerschaftsmitglied in Ihrer Partei angeregt haben, das die Hansestadt Lübeck Mitglied im WEISSEN RING, wie andere Städte z.B. Mainz und Fulda, werden sollten. Und ich erkenne dankbar an, dass Sie, Herr Senator Geißler, sich bei unserem ersten Gespräch über diesen Antrag sehr positiv geäußert haben. Es wäre ein wichtiges Zeichen für alle Bürger, ein Zeichen gegen Gewalt, eine Ächtung der Täter, ein Zeichen für Unterstützung der Opfer.

Aber es gilt auch den Finger in Wunden zu legen, man kann nicht schweigen, wenn Opferinteressen durch falsche Sparbeschlüsse vernachlässigt oder ignoriert werden. So positiv die Zusammenarbeit mit dem Landesamt für soziale Dienste in Lübeck ist – und dafür gebührt Ihnen , Frau Sebelefsky Dank, ist es nicht hinzunehmen, dass vielfach Gutachten im Land SH erst nach einem Jahr Wartezeit erstellt werden. Vielfach sind dann die Ergebnisse nicht mehr aktuell, sie geben ein falsches Bild wieder – und Opfer müssen wieder einmal den Eindruck haben, dass sie im Verfahren eine untergeordnete Rolle spielen. Es ist auch nicht hinnehmbar, dass Opfer durch Streichung von Personalstellen weite Wege in andere Kreise machen müssen, um ihre Interessen wahrzunehmen.

Es ist die Polizei, die vielfach zuerst mit dem Täter, aber auch mit dem Opfer in Kontakt kommt. Ich weiß, dass es die Aufgabenvielfalt und auch die Zunahme der Einsätze, auch der Gewaltkriminalität unter Jugendlichen nicht erlaubt, sich intensiv mit den Opfern auseinanderzusetzen. Aber ich habe festgestellt, dass zunehmend Ihre Beamtinnen und Beamten, Herr Hüttmann, Herr Bernd und Frau Funk, den Kontakt zum WEISSEN RING ermöglichen. Das ist ein wichtiger Schritt, Opfer aus ihrer Isolation zu befreien – und dafür danke ich Ihnen im Namen des WEISSEN RINGS Lübeck sehr herzlich.

Wir werden im Frühjahr dieses Jahres mehrere neue Projekte gemeinsam mit der Lübecker Polizei in Angriff nehmen. Vorbeugung, Prävention – wir führen Seminare zu den Themen „Gewalt gegen Frauen- wie kann ich mich schützen“, Trickdiebstähle und kriminelle Kaffeefahrten, Internetkriminalität für junge Menschen und Eltern.

Ich bin davon überzeugt, dass auch Straftäter einen Anspruch auf Hilfe haben und ich habe einen hohen Respekt für die Arbeit der Resohilfe. Herr RA Wolter als Vorsitzender ist ja heute unter uns und ich darf Dich mit einem Ausspruch zitieren, das auch die Zustimmung des WR uneingeschränkt findet: Täterschutz ist auch Opferschutz. Punkt.
Aber – und jetzt wende ich mich an die Justiz und an die Politik: Ist es nicht ebenso wichtig, vielleicht noch wichtiger, wenn auch die Opferinteressen mehr in den Vordergrund gerückt werden? Wenn in Gerichtsverfahren eine Geldbuße (Geldauflage) ausgesprochen wird, ist es auch richtig, wenn z.B. dieser Betrag der Reso-Hilfe für eine täterorientierte Arbeit zugesprochen wird. Aber darf nicht auch gefordert werden, dass auch in einem gewissen Verhältnis diese Gelder den Vereinen zufließen, die ausschließlich opferorientiert arbeiten. Opfer müssen verstärkt das Gefühl haben, dass alles getan wird, um die Tat soweit möglich zu verarbeiten – das sind wir den Opfern von Gewalt einfach schuldig.

Auch die Einstellungspraxis muss kritisch betrachtet werden. Wie ist einem Lübecker Busfahrer zu Mute, der ein Schreiben der Staatsanwaltschaft Lübeck mit den Worten erhält: Sie sind zwar durch einen Täter verletzt worden, aber da der Täter in einem anderen Verfahren (Vergewaltigung) vermutlich mit einer hohen Haftstrafe zu rechnen hat und die Strafe wegen der an ihnen begangenen Körperverletzung nicht ins Gewicht fällt, habe ich das Verfahren eingestellt.

Sicherlich mag dieses rechtlich nicht zu beanstanden sein. Aber ich habe noch das fassungslose Gesicht dieses Busfahrers vor Augen, der dieses Einstellungsschreiben wie eine Ohrfeige empfunden hat. Wenn wir nicht wollen, dass der Glaube an die Gerechtigkeit vollend verloren geht, dann sollte diese Einstellungspraxis überdacht werden.

Meine Damen und Herren, ich möchte zum Schluss kommen. Anfangs habe ich Ihnen den weißen Leitz-Ordner gezeigt. Jetzt möchte ich Ihnen ein dünnes Heft mit der Aufschrift „Keiner wird gefragt“ zeigen. Ich habe es vor einem Jahr von Frau Petra Adler erhalten, sie beschreibt darin ihr persönliches Schicksal.



Foto (RB): Petra Adler mit Detlef Hardt


Diese sehr persönlichen Aussagen und der Kernsatz „Keiner wird gefragt“ machen nachdenklich, machen betroffen. Keiner wird gefragt, wenn es um Abschied, Sterben, Qual, Enttäuschung geht – „Keiner wird gefragt, wenn Menschen plötzlich Opfer von Gewalt werden“

Aber es gibt Antworten auf die Aussage „Keiner wird gefragt“ – Es sind Antworten wie: Du bist nicht allein, wir helfen Dir, es ist die Antwort nicht nur des WEISSEN RINGS, es sind die Antworten von so vielen staatlichen und privaten Institutionen – es ist die Antwort von Ihnen allen – und für diese mitfühlenden und helfenden Antworten auf „Keiner wird gefragt“ danke ich Ihnen allen sehr herzlich.
Danke, dass Sie bei uns sind.

Herzlichen Dank!"

Autor: Reinhard Bartsch

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